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Orts- / Familiengeschichte Stanischitsch
(Norbatschka, heute Ungarn u. Serbien) 


Ansiedlungsgeschichte

Ortsname

Das Dorf, um das es hier geht, heißt Stanischitsch, im Serbischen Stanišic (sprich: Stanischitsch), im Ungarischen Örszállás (sprich: Örsallasch). Der Name leitet sich vermutlich von dem slawischen Personennamen Uros ab. Als Serben den Namen Örs ins Serbische übersetzten, gingen sie von der ungarischen Bedeutung aus und übersetzten „Stanišic“, was sinngemäß „Wachenheim“ heißt. Daraus wiederum entstand die madjarische Bezeichnung Örszállás.

Bewohner 1763

Auf dem Gebiet des späteren Dorfes bestand eine Puszta, die den staatlichen Viehherden als Weide diente. 1763 wurden durch Cothmann an der Stelle, an der die Peterwardeiner Straße in die Somborer und Bajaer Straße mündet, Serben angesiedelt. Die erste Urbarialliste für Stanischitsch von 1772 weist 109 Haushaltungen aus.11

Karte des Dorfes Stanischitsch um 1764
(Aus Kameralmappe für Kruševlje und Stanišic im Hofkammerarchiv, Wien.)

 

 

Deutsche Siedler 1788

Als Ende Dezember 1786 durch Joseph II. die Einstellung der Ansiedlung von Einwanderern verfügt und festgelegt wurde, daß der Kameralverwaltung noch zur Verfügung stehende leere Gründe mit „Nationalisten“, d. h. Inländern, zu besiedeln seien, gab es in Stanischitsch noch keine Deutschen. Die ungarische Statthalterei verfügte im Januar 1787 gegenüber der Somborer Kameraladministration, daß der von Serben bewohnte Kameralort, nach Einverleibung des Prädiums Györgyen, mit inländischen raitzischen und ungarischen Untertanen zu besiedeln sei. Bei „Györgyen“ handelt es sich um das benachbarte Gyurits (sprich: Djuritsch, = Györgypuszta). Die so vorgesehene Besiedlung gelang offenbar nicht, denn bereits 1788 hatten sich über 1.000 Deutsche in Stanischitsch niedergelassen.

Herkunft der Siedler

Die Zuwanderer kamen aus in früheren Jahren mit Deutschen besiedelten Dörfern, vor allem aus Tschatali, Kolut, Gakowa und Kruschiwl. Unsere Vorfahren sind daher eher nicht unter den im Verlaufe der josephinischen Ansiedlungsperiode ins Land Gekommenen zu suchen. Vielmehr handelt es sich um Familien, die schon früher in anderen Orten ansässig waren, deren Kinder und Enkel dort aber ihr Auskommen nicht fanden und die Gelegenheit der Erschließung neuer Siedlungsgründe wahrnahmen. Sie erhielten staatliche Hilfen, doch nicht so weitreichende, wie die direkt aus dem Reich gekommenen Einwanderer. 12 Verwaltungssitz war die nicht weit entfernte, spätere Kreisstadt Sombor, von der aus auch die Besiedlung der Umgebung gesteuert wurde.

Methode der Besiedlung

Unser Dorf wurde nach der in josephinischer Zeit am häufigsten angewandten Methode besiedelt: man verminderte das bei den serbischen Dorfgründungen - wegen der extensiven Wirtschaftsweise - den Familien reichlich zugeteilte Land und stattete damit neu hinzukommende deutsche Siedler aus, die in oder neben den Serbendörfern ihre Hausplätze erhielten. Der Vergleich des Vertrages mit der Grundherrschaft - des „Urbariums“ - von 1772 mit dem von 1797 zeigt deutlich die Verminderung der den einzelnen Haushalten zur Verfügung gestellten Acker- und Wiesenflächen. Die Absicht des Kaisers war nicht, deutsche Siedlungen zu schaffen, sondern die aus intensiv bewirtschafteten Gegenden herbeigeholten Kolonisten Musterwirtschaften aufbauen zu lassen, nach denen die ältere slawische Bevölkerung ihre Betriebe umgestalten sollte. Das gelang nicht ohne weiteres. Die Gegensätze und Unterschiede in der Wirtschaftsweise zwangen vielfach zur Trennung der Gemeinden - so auch in Stanischitsch. Hier war schon 1788 die deutsche Siedlung unter dem Namen „Neustanischitz“ vom Serbendorf separiert worden.13

Kirche

Eine eigene katholische Pfarrei und Kirche erhielt Stanischitsch schon 1788. Die heutige katholische Kirche, die mittlerweile in sehr schlechtem Zustand ist, stammt aus dem Jahre 1815 und wurde durch die Patronatsfamilie, die Barone Redl von Rottenhausen und Rasztina, erbaut.14

 

Katholische Kirche in Stanischitsch Anfang der siebziger Jahre
(
Aufnahme von Jakob Gärtner)

 

 

 

 

 

Wirtschaftliche Situation

Aus dem Jahre 1788 ist eine Bittschrift „deren teulentischen Kolonisten in Neustanischitzer Colonie“ an den Kaiser erhalten.15 Darin bitten die Haushaltungsvorstände den Kaiser, das zu gewähren, was entschieden wurde, ohne daß gesagt wird, um was es im einzelnen geht. Man kann davon ausgehen, daß die Vergünstigungen, insbesondere die befristete Abgabenfreiheit, gemeint sind. Die Ansiedlungsbedingungen und die Nöte schildern anschaulich zwei Berichte der Kameralverwaltung an die Hofkammer aus dem Jahre 1793: Jede der im Jahre 1787 angesiedelten Familien erhielt 102 fl. (Gulden) und 50 xr. (Kreuzer) zur Herstellung des Hauses sowie Anschaffung zweier Pferde, eines Wagens und eines Pflugs. Nach drei steuerfreien Jahren sollten die Vorschüsse binnen dreier weiterer Jahre getilgt werden. Die Somborer Kameraladministration bestätigte den Bittstellern, daß die von ihnen genossenen Freijahre bis dahin nicht von der Art waren, daß die Siedler hätten Fuß fassen können. Der gerade begonnene erneute Krieg mit den Türken und die daraus sich ergebenden Lasten behinderten die wirtschaftliche Entwicklung. Häufige kriegsbedingte Fuhren beanspruchten und dezimierten das Zugvieh, weshalb die meisten Felder unbestellt blieben. Hinzu kamen noch Mißernten in drei aufeinanderfolgenden Jahren.16

Die Siedler selbst beschrieben ihre Situation etwas drastischer: „diesse 3 Frey Jahre haben wir auf Schanzen und Fuhren zugebracht“. Die Pferde und Wagen, die sie als Erstausstattung für ihre Landwirtschaft erhalten hatten, sind „auf den Schanzen und Fuhren umgestanden und zugrunde gegangen, in Summa 77 Stück...“17

Die Mißernten waren durch die im Batscher Bezirk aufgetretenen, rätselhaften „unterirdischen Gewässer“ verursacht, von denen auch Eimann berichtet: an die Oberfläche tretendes Grundwasser, das immer wieder weite Gebiete für die Landwirtschaft unbrauchbar machte. Abhilfe brachte ein durch den Ingenieur Joseph von Kiss noch 1787 vollendeter Entwässerungskanal.18 Die in 1791 besonders gute Ernte drückte dann wiederum die Getreidepreise.16

Quellenlage, Kirchenbücher

Familienkundliche Daten sind in erster Linie den Kirchenbüchern zu entnehmen. Allerdings war diesbezüglich die Quellenlage für Stanischitsch denkbar ungünstig. Die Kirchenbücher lagern seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht im katholischen Pfarramt, das es im Ort inzwischen auch gar nicht mehr gibt, sondern bei der Gemeindeverwaltung. Einsichtnahme war bisher im Grundsatz nicht möglich - für Deutsche schon gar nicht. Daher gewann ich in den achtziger Jahren Daten zunächst aus den Zweitschriften der Kirchenbücher, die die Pfarrer seit 1826 an das Archiv der zuständigen Erzdiözese Kalotscha abzuliefern hatten. Diese Stadt liegt in Ungarn, wo die Quellen, anfangs gegen Zahlung einer hohen Gebühr, kopiert werden konnten. Inzwischen sind die durch die Mormonen (Genealogische Gesellschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage in Salt Lake City) für alle Kirchenbücher Ungarns hergestellten Mikrofilme frei zugänglich, worunter sich auch die Filme von den Zweitschriften der jugoslawischen Nordbatschka für die Zeit von 1826 bis 1895 befinden. Für die Jahre von der Gründung der katholischen Pfarrei und Einrichtung eigener Kirchenbücher im Jahre 1788 bis 1825 klaffte allerdings eine Lücke, die ich durch Auswertung anderer Quellen zu überbrücken suchte: Firmungslisten und Konskriptionslisten - letzteres sind Ansiedler- und Steuerlisten, Listen über gezahlte Vorschüsse u. ä. Aus dieser Zeit stammt mein in geringer Auflage hergestelltes Manuskript über die deutschen Siedler in Stanischitsch.19

In den wenigen Monaten von der Ansiedlung bis zur Anlage eigener Kirchenbücher wurden Taufen, Eheschließungen und Sterbefälle vermutlich im älteren Nachbarort Gakowa eingetragen, doch sind diese Kirchenbücher nicht mehr vorhanden. Es wird angenommen, daß sie bei Räumung und Plünderung des Dorfes durch Partisanen 1945 vernichtet wurden.

Ortssippenbuch

Später hatte Michael Hutfluss kurzfristig Zugang zu den Stanischitscher Kirchenbüchern, woraufhin er ein Ortssippenbuch für die Zeit bis 1895 herausbrachte.20 Inzwischen sind auch die Daten ab 1896 greifbar, so daß ein zweiter Band für die Zeit 1896 bis 1938 erscheinen konnte. Bei der schwierigen Quellenlage ist es verständlich, daß sich in beiden Bänden Lücken und Irrtümer finden. Johann Schnaterbeck hat in letzter Zeit eine Abschrift von Kopien des Kirchenbuches erstellt, die eines Tages zur Herausgabe eines verbesserten Ortssippenbuches für Stanischitsch führen soll. Er stellte mir aus diesen Unterlagen zahlreiche Daten zur Verfügung.

Anmerkungen
11
Rettig: Die Ortsgeschichte der Gemeinde Stanischitsch, S. 23, 25; Schünemann: Das Deutschtum der Batschka, S. 310; Sonstige, Stanischitsch 1772, Urbarium. Das Urbarium regelt das Rechtsverhältnis zwischen Grundherrn und Untertanen.
12
Feldtänzer: Joseph II. und die donauschwäbische Ansiedlung, S. 112, 114f. Die Ausführungen zeigen, daß die durch Rettig (S. 25) übernommene Angabe Eimanns (Der Deutsche Kolonist, S. 25), wonach 1786 hundert deutsche Familien angesiedelt wurden, nicht zutrifft. Eimann standen die amtlichen Zahlen des Ansiedlungsrentamtes nicht zur Verfügung (Feldtänzer, S. 111). Sonstige, Stanischitsch 1772, Urbarium; Stanischitsch 1797, Konskription.
13
Schünemann: Das Deutschtum der Batschka, S. 309f
14
Zur Familie Redl vgl. Angeli: Chronik der Adelsfamilie Redl.
15
Sonstige, Stanischitsch 1788 (1), Bittschrift; vgl. Bayer: Deutsche Siedler in Stanisic bis 1828, S. V
16
Wien, Stanischitsch: Kamerale Ungarn, Zl. 14/161, Fsc. 32, rote Nr. 708, 1793, Jan. 4; vgl. Bayer: Deutsche Siedler in Stanisic bis 1828, S. VI
17
Wien, Stanischitsch: Kamerale Ungarn, Zl. 35/598, Fsc. 32, rote Nr. 707A, 1792, Juni 8; vgl. Bayer: Deutsche Siedler in Stanisic bis 1828, S. VII
18
Zu den Überschwemmungen siehe Feldtänzer: Joseph II. und die donauschwäbische Ansiedlung, S. 208ff.
19
Bayer: Deutsche Siedler in Stanisic bis 1828
20 Hutfluss: Ortssippenbuch Stanischitsch


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